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Rollenspiel,  Kurzgeschichten

Yara 19 – Vorräte für Nesmé

Die Moral sank, die Stadt Nesmé hungerte. Der Plan, uns rein zu schmuggeln sollte heute Bekanntschaft mit der Realität machen.

Auch in dieser wichtigen Nacht konnte ich diese verflixten Stimmen nicht verstehen und stand mal wieder extra früh auf, um den anderen Frühstück zu machen. Cinar und Tante Tapsi erschienen auch in der Küche und halfen mir. Wir erzählten Nehil und Tapsi vom Plan. Nehil war Feuer und Flamme zu helfen, also wollte er schon mal in Sundabar Hilfe organisieren.

Dann ging es hinaus aufs Feld. Die erste Vorhut war schon vorgeprescht in die Dunkelheit. Noch vor dem ersten Sonnenstrahl hatten wir uns aufgemacht nach Nesmé, dicht hinter uns folgend der Versorgungskarren mit dem Mindesten an Vorräten, den Tristan uns mitgegeben hatte.
Sobald wir das Lager verliessen, waren wir umringt von kleinen Scharmützeln, kämpfenden Soldaten und Orks. Jeder Menge Orks. Auch einige Eisriesen waren auf dem Schlachtfeld zu sehen, zum Glück weiter weg und Dunkelelfen, mit verbissenem Kampfeswillen. Vier Orks stürmten auf uns zu. Ich wob einen schützenden magischen Kreis um den Karren und unterstützte meine Gefährten so gut es ging im Kampf. Den letzten lebenden Ork durfte ich sogar zu Asche verbrennen mit dem heiligen Feuer von Mielikki. Dann hetzten wir vorsichtig weiter in Richtung Südeingang der Stadt.

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Eine Weile lang ging alles gut, bis Tappser aus unserer Gruppenformation ausbrach, um einen verwundeten Krieger zu helfen. Auf dem Weg hatte er überall seine Dolche hineingehalten, um den Feinden so viel wie möglich zu schaden. Drei weitere Orks brachen zu uns durch und stürzten sich sogleich auf den Wagen. Ein Rad knackte. Auch schaffte es einer der Orks die Stange, an der die Pferdegeschirre befestigt waren zu zerbrechen. Doch meine Rache traf ihn flammend und Cinars darauffolgender Doppelhieb mit seinem ebenfalls brennenden Schwert haute ihn zu Brei.

Weiter gings. Behelfsmässig geflickt, setzte der angeschlagene Wagen seinen Weg fort. Wir waren schon fast beim Südtor angelagnt, als nochmals zwei Orks auf uns zugestürmt kamen. Tappser und Cinar stürmten vor, um sie so weit wie möglich von den Vorräten weg zu halten. Das gab mir etwas mehr Zeit, wieder einen Schutzzauber über den Karren zu legen. Dass ich die Angreifer erst nicht mal bemerkt hatte, weil ich hinterhertrottete, machte die Situation nicht besser. Doch Tappser und Cinar kümmerten sich zum Glück schnell um die beiden Gegner.

Mehr und mehr fielen Cinar und mir Soldaten mit komplett anderen Rüstungen auf, als diejenigen der Schildsterne. Die Kämpfer aus Mithrall Hall! Sie kämpften uns von Nesmé aus den Weg frei! Tappser verteilte unterwegs wieder Messerhiebe, wo er konnte. Viele Orks fielen.
Kurz vor den Toren der Stadt fiel uns ein Dunkelelf auf, der mit einem Ork gegen einen einzelnen Soldaten kämpfte. Was war das denn für ein Kämpfer, der sich alleine gegen zwei so mächtige Gegner stellte?

Endlich waren wir beim Südtor von Nesmé angekommen und wurden auch sofort eingelassen. Wir waren wieder in Sicherheit. Wie besprochen zog sich die Armee nach und nach wieder ins östliche Lager zurück, sodass auch sie wieder in Sicherheit waren. Vor der zentralen Kirche hatte sich schon eine kleine Menschentraube gebildet, wo wir empfangen wurden. Ein Dunkelelf und ein Zwerg stellten sich uns als Bruenor Battlehammer und Drizzt Do’Urden vor.
„Ihr seid also die Helden von Sundabar“, der Zwerg strich sich durch den Bart.
„Ich bin der ehemalige König von Mithral Hall, Bruenor Battlehammer und das ist mein Freund und Gefährte Drizzt Do’Urden. Nun, es ist hier nur ein Spiel auf Zeit, bisher haben wir noch auf keinen grösseren Angrif von den Orks erwarten müssen.“
Ich erzählte dem König von unserem Plan mit der Gildenhalle.
„Das würde uns allen natürlich sehr gelegen kommen, ihr würdet so die Stadt retten! Und das auch noch schnell! Ich schlage vor, das Tor in der Kaserne zu öffnen. Es könnte sein, dass es zu unfrieden kommtn, wenn die Leute erfahren, dass wieder Vorräte in die Stadt kommen. Menschen sind nun mal egoistisch“, überlegte Battlehammer.
Er schilderte uns dann noch die Lage und was die Späher bisher über die Orkarmee herausfinden konnte. Die Armee war wohl riesig. Etwa zehntausend Kämpfer waren im Belagerungslager stationiert, darunter auch viele Dunkelelfen. Einige Eisriesen hatten wir ja schon auf dem Schlachtfeld gesehen. Tatsächlich hatten sich die Dunkelelfen eher zurückgehalten heute.

Unterwegs zur Kaserne verteilte Tappser einige seiner Rationen. Ich erschuf Essen für die Bedürftigen. Leider war das alles viel zu wenig.
In der Kaserne angekommen, setzte ich dort in einer unscheinbaren Ecke die Vordertür zu unserer Gildenhalle hin.
„Das sieht ja schon mal vielversprechend aus“, freute sich der Zwerg, „wir werden uns erst mal zur Lagebesprechung vor der Kirche zurückziehen. Dort befindet sich unsere Kommandozentrale, wo alle Strippen und Informationen zusammenkommen.“
Und er machte sich auf den Weg dahin. Drizzt Do’Urden schien noch unentschlossen und blieb bei uns. Wollte er noch etwas mit uns besprechen? Er sah uns jedenfalls mit ernster Miene an. Es fiel ihm sichtlich schwer, seine Verdächtigungen in Worte zu fassen:
„Hört, ich muss euch etwas anvertrauen, was wir noch nicht so berücksichtigt haben. Wir haben die Nahrungslager verloren, was mich dazu veranlasst hat zu glauben, dass es einen Verräter in der Stadt gibt. Die Lager waren nicht alle offensichtlich als Speicher zu erkennen gewesen, doch wurden sie gezielt mittels Brandgeschossen zerstört. Es gibt jedoch keinen Anhaltspunkt, wer der Verräter sein könnte. Die ganze Stadt wusste, wo die Lager waren. Vielleicht solltet ihr erst mal mit dem Kommandanten der Stadt reden, möglicherweise kann er euch weiterhelfen.“
Hm, das gab uns Denkfutter. Bevor wir uns von ihm verabschiedeten erzählte ich Drizzt (wir waren schon beim Du!) noch von meiner Vision mit ihm. Er war nun vollends davon überzeugt, dass unser Aufeinandertreffen kein Zufall war. Es war ja auch nicht so, dass wir alles dafür getan hatten, inklusive der Reise in eines der gefährlichsten Kriegsgebiete der Welt…aber ich schweife ab. Auch Drizzt hatte eine Vision gehabt! Er hatte uns zusammen gegen den weissen Drachen kämpfen sehen. Und er fügte hinzu:
„Ich bin mir sicher, dass die Vidiosn von Mielikki geschickt wurde. Ihr seid wohl auch ein Champion der Göttin.“
Wie, bitte, WAS??!!?? Mir stockte der Atem. Das konnte ich gar nicht glauben, ich war doch nur eine einfache Waldgnomin…
„Nunja, ich verehre sie sehr…“, schaffte ich irgendwie zu stottern.
„Nun, offensichtlich weist sie euch eine grössere Rolle in diesem Geschehen zu. Ich werde mich aber auch vorerst zur Kirche zurückziehen.“ Und er nickte uns zum Abschied zu.

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Als wir die Gildenhalle betraten, war Nehil schon dabei, die Hilfe aus Sundabar zu organisieren. Leider gab es schlechte Nachrichten; aus Sundabar würde es die ersten paar Tage nicht schaffen, alle zehntausend Einwohner plus tausend Stadtwachen versorgen zu können. In den ersten fünf Tagen würden genug Vorräte für gerade mal zweitausend Leute heranschaffbar sein. Diese Tage würden schwierig werden, doch dann kämen aus den umliegenden Städten und Dörfern weitere Vorräte. In Sundabar war es ja auch nicht gerade einfach, an viele Dinge heranzukommen.
Wenn wir schon in unseren schönen Hallen waren, konnten wir uns auch gleich den Kampfschmutz, Blut, Glibber und Schweiss abwaschen und uns ein wenig entspannen, bevor es wieder in die ernste Welt hinausging.
Nach einer guten Stärkung und Rast waren die Kräfte schon fleissig am arbeiten. Wir verliessen die Gildenhalle nach Nesmé und auch hier waren die ersten Arbeiter schon in der Kaserne dabei, die ersten Vorräte heranzutragen. Vorwiegend Mehlsäcke. Pioniere der Steinschilde. Nun wollten wir mit Bruenor und dem Kommandanten der Stadt Nesmé über den möglichen Verräter sprechen. Auch wenn Drizzt sich Bruenor gegenüber wohl sehr zurückgehalten hatte, hatten wir keine bessere Idee gehabt. Einen Versuch war’s wert. Wenn wir den beiden nicht vertrauen konnten, wem dann?

Die Zivilbevölkerung, der wir auf den Strassen zur Kirche begegneten, sah schon sehr angeschlagen aus. Sie hatten alle so einen leeren Blick. Die nächsten Tage würden tatsächlich sehr hart werden.
In der Kirche sassen Drizzt Do’Urden und Bruenor Battlehammer mit einigen weiteren Männern an einem langen Tisch. Darauf lag die Kampfkarte von Nesmé und Umgebung. Alle waren sehr auf die Karte konzentriert.
„Besonders den Norden der Stadt müssen wir im Auge behalten. Umrunden und von Süden her angreifen werden die Orks wohl nicht. Sie wissen ja noch nicht, dass wir ab heute vollständig versorgt werden können“, grinste Herr Battlehamer. Oh oh…
„A propos vollständig versorgt….“, fing Tappser an und überbrachte die schlechte Nachricht.
„Fünf Tage, bis wir die ganze Stadt versorgen können? Das wird schwierig. Wir werden wohl nochmal in Silvery Moon um Hilfe bitten müssen. Das Problem ist nur, dass die Orks wohl wissen, dass sie aus der Richtung mit Verstärkung rechnen müssen. Eine verzwickte Lage. So oder so. Die Unterstützung aus Waterdeep kommt auch erst in vier Tagen an, dort liegt aber das Moor. Auch ein beschwerlicher Weg.
Wir hoffen auch wieder auf eure Hilfe, in zwei Tagen ungefähr, wenn die Vorräte aus Silvery Moon kommen. Doch was führt euch zu uns?“
In einem Nebenschiff der Kirche besprachen wir den Verdacht, den Drizzt uns gegenüber geäussert hatte. Wer auf jeden Fall alle Lager kennen sollte, auch die unscheinbarsten, waren die Stadtwachen, der Kommandant, die Händler, Wirte und Bauern. Das waren ja nicht gerade wenige. Doch machte es Sinn, das dieser Personenkreis die Kornspeicher der Stadt verraten würden? Vielleicht war auch jemand gefangen genommen worden und hat unter Folter die Lager verraten. Dann sollten wir wohl als Erstes die Bauern befragen, ob jemand vermisst wird. Im grossen Gasthaus im Nordosten der Stadt waren die Bauern einem Wirtshaus untergebracht. Das war dann wohl unser nächstes Ziel, bevor wir dem Kommandanten der Stadt die Zeit stehlen würden.

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