verschiedenförmige Würfel
Kurzgeschichten,  Rollenspiel

Yara 34 – Der Turm

Nun waren wir also auf die dritte Ebene des Turms vorgedrungen. Au backe, es lag bestimmt noch einiges vor uns.
Es gab wieder drei Türen und wieder stand eine schmucklose Stele inmitten des Raums. Darauf stand diesmal:
«Welches Tierhybridwesen existiert nicht in Faerûn?»
Die Türen boten wieder drei Antwortmöglichkeiten:
Tür 1: Löwenkatze, Tür 2: Landhai, Tür 3: Ziegenlöwendrache.
Ich war für die Löwenkatze, alle anderen Antwortmöglichkeiten schienen mir so abstrus, dass sie einfach existieren mussten. Doch die anderen meinten wohl offenbar, dass es auf keinen Fall einen Landhai geben könne und stellten sich vor der zweiten Türe auf.
«Auf drei, gleichzeitig öffnen!», gab Cinar den Ton an.
«In Ordnung!»
«Eins… zwei… drei!»
Ich öffnete meine Tür und stand natürlich vor der Treppe. Wie sollte es auch anders sein, ich war die Königin der Induktion… oder so.
«Ha!», freute ich mich schon, als ich hinter mir ein komisches Graulen und Waffengeklirre vernahm. Ironischerweise war hinter Cinars Tür ein Landhai gewesen. Zum Glück war niemand vor der dritten Tür gestanden. Der Kampf war glücklicherweise relativ schnell vorbei. Tappser schnitt sich währenddessen einige Stücke Fleisch aus dem armen Tier, Cinar ergatterte das Filetstück und schliesslich teilten sich Tappser und Eule noch die Zähne untereinander auf. Igitt. Danach konnten wir weiter.

Am oberen Ende der Treppe befand sich wieder eine scheinbar normale Tür. Cinar öffnete die scheinbar normale Tür. Sie ging auf. Wow. So Überraschung.
Die vierte Etage hatte einen gläsernen Boden. Auf der Stele lagen diesmal einzelne Fliesen mit kanalähnlichen Vertiefungen darin, die wir so anordnen mussten, dass die richtigen Wasserströme zu den richtigen Zielen verliefen. Dieses Rätsel lösten wir in unter einer Minute. Na, wenn das so weiterging, würden wir für die nächsten 100 Stockwerke nicht mal zwei Stunden brauchen.
Ein Klicken signalisierte die Öffnung der nächsten Türe zum folgenden Treppenhaus.

Am Ende der Treppe erwartete uns wieder eine scheinbar ganz normale Tür. Tappser warf ein Wurfmesser darauf.
«Neiin, Tappsseeeeeeer…», stöhnte ich erschöpft.
Cinar verdrehte die Augen und rüttelte an der Klinke. Die Tür blieb verschlossen.
«Du hattest doch sowas wie Dietrichkenntnisse», raunte Cinar Tappser zu.
«Ääähhhh ojeeeee!», das war ja klar, wenns auf spezifische Kenntnisse ankam, war Tappser wieder ein Drückeberger. Doch dann war das Schloss innerhalb weniger Momente geöffnet.
«Cinar du darfst die Tür aufmachen!»
Gesagt, getan.

Quelle: pixabay

Plötzlich sah ich nichts mehr. Alles war weiss und grell und schmerzte in den Augen. Doch nach ein paar Minuten hatte ich mich daran gewöhnt. Die anderen scheinbar auch. Die fünfte Etage begrüsste uns mit einem weissen Boden, einer weissen Decke, weissen Wänden und viel weissem Licht. Trotzdem schienen wir kaum Schatten zu werfen. Wo der Boden in die Wände überging war auch kaum auszumachen. Wie passte so ein riesiger weiter Raum in den schmalen Turm? Vielleicht hatte der Magier hier einfach den Raum auseinander gefaltet.
In der Mitte des Raumes war eine weitere Stele zu sehen. Diesmal war sie nur mit einem roten Knopf versehen. Interessant, war dies Gnomentechnologie? Ausser seiner roten Farbe konnte ich nichts ungewöhnliches an dem Knopf erkennen. Womit er verbunden war, war mir auch schleierhaft. Magisch schien er auch nicht zu sein. Ich fühlte mich etwas an das Labor unter der Erde erinnert aber dies hier schien etwas gänzlich anderes zu sein.
Cinar stellte sich irgendwo hin und machte gar nichts. «Ich habe genug getan, indem ich die Tür geöffnet habe», verkündete er und atmete.
Eule verhielt sich auch merkwürdig. Plötzlich rannte sie mit vollem Karacho auf eine Wand zu und – bumm! – dagegen.
«Eule!», erschrak ich mich «alles in Ordnung?»
«Da ist keine Tür.» Gut zu wissen.
«Okaaaaay», kam auch von Tapser, der ganz aufmerksam den Raum inspizierte. «Die Wand ist erleuchtigt», verkündete er fachmännisch.
Auf dem Boden sind nur unsere moosigen Fussstapfen zu sehen. Tappser rannte herum und verteilte Stroh und Dreck auf den Boden.
Dann kam Cinar wohl gähnend zu dem Entschluss, doch nicht genug getan zu haben, ging auf den Knopf zu und verschwand. Mitsamt der Stele. Und der Eingangstür.
Ich setzte mich auf den Boden. «Sehr interessant.»
Dann begann Tappser, wie wild in der Gegend herumzuschiessen.
«Mal sehen, wann wir ein ‹Au› hören!», dachte er etwa, Cinar sei unsichtbar geworden?
Plötzlich bekamen wir einen Stromstoss verpasst. Nun war von uns allen vieren ein «au!» zu hören.
Zum Glück sass ich schon auf dem Boden, denn mir wurde plötzlich ganz seltsam zumute. Als wäre ich in die Enge getrieben worden. Oder war mir schwindelig? Wo war Cinar hin?
«Hör auf den Turm zu drehen Cinar!»
Es wurde kalt, aber gleich darauf wieder warm. Dann begann Eule sich zu verändern. Wurde sie kleiner? Nein, jünger! Es hielt erst an, als ihr ihre Axt aus der Hand fiel und sie als Kinder-Dragonborn vor uns stand.
«Tappser, warst du schon immer so gross?», piepste sie.
«Ach bist du niedlich!!!», freute sich Tappser darüber.
«Also für mich bist du immer noch gross, Eule!», dann teilte ich meinen Verdacht mit den anderen. «Also ich glaube, dieser Raum ist so eine Art Experimentraum und alles, was gerade passiert ist Cinars Schuld.»
Kaum hatte ich ausgesprochen, als sich der Raum wieder veränderte. Eule war nirgends mehr zu sehen. Nur die Linien von dem Sand und Dreck, den Tappser verteilt hatte, wirkten wir abgeschnitten. Es hatte sich wohl eine Wand mitten im Raum gebildet und uns von Eule abgeschnitten!
Dann ging es erst so richtig los; ich fühlte mich plötzlich etwas leichter, dann fingen die Wände an zu blinken (Tappser und ich machten das Beste daraus und tanzten dazu), dann begann der Raum sich mit Wasser zu füllen, das Licht ging fast aus, es entstand ein Schachbrettmuster aus Lava auf dem Boden, das das Wasser zum verdampfen brachte. Zwischendurch reichte mir Tappser einen mit Luft gefüllten Schlauch, nur falls das Wasser noch viel weiter steigen sollte. Einmal begannen wir zu schweben und wechselten das Geschlecht (das möchte ich bitte nie wieder erleben müssen!).
«Ganz neue Möglichkeiten mit Nehil!», freute sich Tappser darüber.
Gerade als ich versuchte, einen Purzelbaum in der Luft zu schlagen, platschte ich ins Wasser und war wieder so schwer wie immer. Und es begann zu regnen. Es bildeten sich sogar Wolken in dem Raum und ein Gewitter brach los. Plötzlich purzelte Obst herunter. Endlich Essen! Das Obst verschwand und kurze Zeit darauf fing es erneut an Obst zu regnen. Dann Steine. Uff, das war ganz schön gefährlich, vor allem mit dem ganzen Nebel, dem steigenden Wasserspiegel und der Lava.
In der Mitte des Raumes erschienen ein Tisch und mehrere Stühle und zum Glück verschwand das Gewitter. Dann stand ein Feuerelementar vor Tappserine und mir aber endlich verschwanden auch die Lavafelder. Der Nebel begann langsam, sich zu lichten und statt Lava hatten wir Sand unter den Füssen. Doch dank des Wasserstandes und unserere Grösse (und meinen männlichen Gnomenpranken) konnten wir das Feuerelementar schnell besiegen. Zur Belohnung wurden wir in Kaninchen verwandelt.
Irgendwann hörte der Stroboskopeffekt auf und die Trennwand in der Mitte verschwand. Wir sahen ein um sein Leben kämpfendes Babykaninchen. Ach du Schreck! Eule!

Doch was war jetzt los? Meine Sicht verschwamm und ich sass unmittelbar in einem Raum voller Knöpfe und Regler. Aha! Oje, das musste Cinar ja total überfordert haben. Kein Wunder war alles so chaotisch. Ich konnte auf den Experimentalraum hinunterblicken und sah Cinar und die anderen da stehen.
Ich drückte bedacht und systematisch auf den Knöpfen herum. Bis ich den Dreh raus hatte, dauerte es einige Zeit. Ich verwandelte Tappser in eine Kuh, Cinar wurde einmal ganz klein und bekam Flügel, Eule wurde wieder gross und schliesslich, endlich, fand ich den Richtigen Knopf. Die Nummer 47.
Wir standen versammelt im nächsten Treppenhaus und alle Effekte des Experimentalraums waren verschwunden.

Am Ende der Treppe trafen wir wieder auf eine normale Tür. Wir gingen hindurch und spazierten einen laaangen Gang entlang, bis wir an eine Gabelung kamen. Wir gingen nach Süden. Der Gang führte um eine Biegung und dann kamen wir wieder an eine Gabelung. Und nach einiger Zeit nochmal eine Gabelung. Wir waren in einem Labyrinth gelandet.
Oje, das konnte eine Weile dauern. Doch umdrehen konnten wir jetzt nicht mehr. Nach einigen Biegungen und Entscheidungen hörten wir hinter uns ein grummelndes Geräusch.
«Oje, lass es bitte keine Verschiebewände sein, lass es bitte keine Verschiebewände sein!», schickte ich ein Stossgebet an Mielikki.
Nach einiger Zeit des Herumirrens besannen wir uns auf ein altbewährtes System: Stift und Papier. So gut es ging, versuchten wir unseren Weg aufzuzeichnen. Die Abstände zwischen den Weggabelungen schienen immer eine Grundlänge zu haben (oder ein Vielfaches davon). So hatten wir schon bald eine sehr ungefähre Ahnung, wo wir uns befanden, aber nicht wohin wir mussten. Wir entschieden aufs Geratewohl uns so gut es ging nach Osten zu halten. Einmal landeten wir in einer Sackgasse und ein paar Male hörten wir noch dieses grummelnde Geräusch.
Doch mit mehr Glück als Verstand schafften wir es schliesslich, das Labyrinth zu durchqueren und standen wieder am Fusse einer Treppe.

Diesmal befand sich im Türrahmen eine Gravur, wie sonst auf den Stelen:

«Die Entscheidung ist nahe. Besteht die finalen Aufgaben meiner Gemächer, auf dass euer Wunsch Gehör finden soll. Doch habt ihr sie betreten, könnt ihr Vieles verlieren. Die Unbedachten gehen verloren, die Bedachten werden auf ewig gefangen. Nur die Weisen werden einen Weg zu mir finden.»

Wir fassten uns ein Herz und ich öffnete die Tür. Direkt dahinter befand sich ein portalartiger Schimmer. Eule nahm mich auf den Arm, Cinar hielt Tappser fest und alle gleichzeitig gingen wir durch das Portal.

Wir landeten in einem weiteren Raum. Es roch nach Essen. Gutem Essen! Wir befanden uns in einer gut ausgestatteten Küche. Im Zentrum des Raumes stand ein grosses Podest, in das eine Schüssel eingelassen war.
Wir untersuchten den Raum. Tappser fand ein Rezept auf einem Tisch liegend.

Quelle: pixabay (eigene Bearbeitung)

Es gab ausser der Eingangstür noch drei weitere Türen im Raum. Ich sah mir eine genauer an, doch da war nichts beschriftet.
Eule fand viele Küchengeräte in einem Regal.
Ich fand ein paar Teller und Geschirr auf und unter einem anderen Tisch aber nichts Besonderes.
In der Mitte des Raumes, um das Podest mit der Schüssel herum war ein langer Tresen, darauf lagen verschiedenste Zutaten: Orangen, Rote Beete, Brokkoli, Quitten, Heidelbeeren, Erbsen, Pilze, etwas was aussah wie grüne verschrumpelte Dracheneier, Tomaten, Spinat, Zitronen, Gurken, Mais, Granatäpfen (darüber hatte ich nur gelesen!), Birnen, Kirschen, Auberginen, Rhabarber, Radieschen und noch mehr komische braune fusselige unbekannte Früchte.
Wahnsinn, da war einiges dabei, was wir alle noch nie gesehen hatten!
Aber mit dem kryptischen ‹Rezept› kamen wir so nicht weiter. Wir beschlossen, die Türen und was dahinter lag zu untersuchen.

Cinar ging wahllos durch eine der Türen und wir anderen folgten. Wir landeten in einem Raum voller Staub. In der Mitte stand ein Bett mit einem Teppich davor, in einer Ecke ein Schreibtisch und ein Schrank an der gegenüberliegenden Wand. Cinar und ich gingen zum Schreibtisch. Darauf fanden wir einen Zettel mit einer Warnung: «Achtet auf die Spinne.»
Kaum hatten wir das gelesen hörten wir auch schon ein erschrockenes «Ah!» von Tappser. Ich drehte mich um und sah, dass Tappser die Spinne gefunden hatte. Oder umgekehrt. Er hing jedenfalls an der Decke, neben ein paar anderen menschenförmigen Kokons und einer riesigen Spinne.
Trotz ihrer Grösse hatte sie keine Chance gegen uns. Nach einem relativ kurzen Kampf fand sie auch schon ihr Ende. Der befreite Tappser schoss die ganzen Kokons von der Decke, doch aus allen purzelten nur Skelette heraus.
Eule sammelte Spinnenseide ein und in einer Robe im Schrank fand Tappser ein Gedicht über Obstsalat.
Wir entschieden uns wieder wahllos für eine der vier Türen im Raum und gingen hindurch.

Nun kamen wir in einen Raum der aussah wie der Empfangsraum einer prunkvollen Villa. Zwei Treppen gingen vom oberen Stockwerk, auf dem wir gelandet waren, ab. Wieder gab es eine Tür in jeder Himmelsrichtung. Doch unten, zwischen den beiden Treppenaufgängen war eine grosse Pforte mitten im Raum. In den Ecken oben standen Vitrinen voll mit Bildern. Ein Stilleben eines Obstsalates war dabei. Auf dem Bild waren Weintrauben, Bananen, Äpfel, Birnen und Orangen. Im unteren Stockwerk hingen auch einige grössere Bilder aber ohne Bezug zu essen oder zu unserem komischen Rezept.
Wir gingen durch eine der Türen…

…und landeten wieder in der Küche. Hier hätten wir gar nicht landen dürfen! Aber wer erwartete schon Logik in einem Zauberturm. Wir wollten nochmal ins Schlafzimmer gehen und dann dort die nördliche Türe ausprobieren. Doch als wir dort ankamen, hing die Spinne wieder an der Decke, als sei nichts passiert. Kämpfen nützte also nichts und wir sprinteten durch die besprochene Tür, währenddem Tappser die Spinne kurz ablenkte.

Quelle: pixabay

Wir landeten in einem voll ausgestatteten Labor. Dort fanden wir ein kryptisches Rezept, das wie ein Sudoku aussah. Als wir es lösten, ging wie von Zauberhand der Brenner an und die Zutaten schwebten in einen Kessel. Scheinbar lag wohl eine Art Zauber auf diesem Raum, der den Trank automatisch zusammenmischte. Tappser, der, wenn es drauf ankam nichts machte, stürzte sich natürlich auf den Trank und nach einem Schluck war er eine Hauskatze.
Eule freute sich darüber. Sie nahm ein Stück Seil aus ihrere Tasche und Tappser stürzte sich voller Elan darauf.
«Das ist demütigend!», rief er, aber er konnte einfach nicht ablassen.

Wieder mussten wir uns für eine Tür entscheiden. Und wieder standen wir in der Eingangshalle der Villa.
«Ich glaube, ich möchte gerne durch diese grosse Tür gehen», überlegte Cinar laut.
Wir öffneten die Tür und schritten durch das Portal dahinter. Dann fielen wir. Lange und tief und landeten auf einer gepflasterten Strasse. Tappser klatschte auf den Boden auf und verwandelte sich wieder zurück. Ich sah mich um. Wir standen inmitten einer geschäftigen Stadt!


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