Würfel
Kurzgeschichten,  Rollenspiel

Yara 24 – Wir stossen ins Horn!

Endlich! Ich. Konnte. Die Flüstereien. Diese Nacht. Verstehen!
«Evakuiert Sundabar», hörte sich aber nach einer sehr ernsten Warnung an, oh oh…
Auch mit langem und erholsamem Schlaf war es schnell vorbei. Mitten in der Nacht wurde ich von Cinar wachgerüttelt.
«Die Orks sind zurück!», das war ja so klar… Mitten in der Nacht war wohl bei Cinar plötzlich eine Wache im Zimmer erschienen, die ihn mit dieser Nachricht geweckt hatte. Was für ein Schreck!
«Ich konnte die Stimmen heute mal verstehen, Sundabar muss evakuiert werden, sagten sie!», warf ich ein.
«Oh. Mein. Gott», konnte Tappser dazu nur sagen.
Ohne Mitternachtssnack machten wir uns also direkt wieder auf, sprintenten aus der Gildenhalle hinaus richtung Nordmauer.
Weder Bruenor noch Drizzt oder Tristan sahen wir auf dem Weg.

Vor der Mauer herrschte schon reges Kampfgetümmel. Ein paar Arbeiter waren schwer damit beschäftigt, die Mauer von beiden Seiten wieder aufzuschütten. Das Loch war schon kleiner als zuvor, doch vor dem Riss sah es nicht gut aus; wenige Wachen gegen immer mehr nachrückende Orks und Dunkelelfen, es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Jeden Gegner, dessen wir uns entledigen konnten, ersetzte sofort ein neuer Ork. Die wenigen Dunkelelfen konzentrierten sich aber auf strategisch wichtige Ziele auf unserer Seite. Vorwiegend auf die Arbeiter.
Es war ein Gemetzel. Beide Seiten erhlitten hohe Verluste. Doch mit knapper Not schafften wir es trotzdem, wenigstens so viele Arbeiter zu beschützen, dass sie die Mauer schliesslich zuschütten konnten. Was mit den Soldaten, die dann noch draussen waren, geschehen mochte, wollte ich mir gar nicht vorstellen. Immerhin wurde auch einer der Dunkelelfen zugeschüttet.
Alle noch lebenden Anwesenden brachen in Jubel aus.
«Es gibt keinen Grund zur Freude, eure Freunde da draussen sterben jetzt!», vermieste Tappser allen wieder die Stimmung. Einige fingen an zu weinen. Keiner gab ihm eine Antwort auf die Frage wo Tristan sei.

Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

Also machten wir uns auf, Tristan Lubin zu suchen. Die Kathedrale war leer, genauso wie die Kaserne, bis auf ein paar verletzte und erschöpfte Soldaten. Einer davon gab uns die Auskunft, dass Tristan in Sundabar sei. Oje… Widerwillig, sehhr widerwillig begaben wir uns dann auch nach Sundabar.

Dort angekommen wirkte zuerst alles sehr friedlich und ruhig. Allerdings war auch niemand auf den Strassen. Unsere erste Anlaufstelle war dann wohl das Lager der Stadtwachen und Schildsterne. Auf dem Marktplatz sahen wir sogar einige Nachtwachen. Eine davon kam auf uns zu und rief uns ein kurzes «Halt!» entgegen.
«Wisst ihr vielleicht, wo Tristan ist?», erkundigten wir uns.
«Tut mir leid, es herrscht Ausgangssperre, ihr dürft das Haus nicht verlassen. Alle Abenteuer wurden zwangsverpflichtet.»
«Wir sind aber keine Zivilisten oder gewöhnliche Abenteurer, wir sind die Helden von Sundabar und Nesmé», entgegnete ich.
Der Soldat runzelte die Stirn, liess uns aber passieren.
Die Kasernentür war verschlossen. Wir klopften.
«Ihr seid draussen unterwegs?», tönte es von drinnen.
«Wir müssen mit Tristan sprechen», brachte ich unser Anliegen vor. Wann waren die hier denn alle so unhöflich geworden?
«Wie alle Abenteurer», noch mehr Unhöflichkeit.
«Wir kennen ihn persönlich.»
«Wie alle Abenteurer.»
«Er kennt uns persönlich!», langsam verlor ich die Geduld.
«Dann müsst ihr zurück in die Masters Hall wo Tristan ist.»
Warum nicht gleich so? Moment mal…da kamen wir doch gerade her!

Vor der Halle begegnete uns die Wache von vorhin wieder, die sich vor uns aufbaute. Wir versuchten sie zu überzeugen, dass wir wirklich in dringlicher Angelegenheit unterwegs waren. Ich hatte sie auch schon fast überzeugt, doch dann versuchte Tappser, den Herren irgendwie zu beeindrucken, was natürlich wie immer genau den gegenteiligen Effekt hatte und ihn eher erzürnte. Irgendwie schafften wir es aber schliesslich trotzdem und er liess uns dann doch rein.
Es war dunkel und mitten in der Nacht. Keiner war zu sehen.
Wir nahmen eine der Wendeltreppen in den ersten Stock und sahen dort eine offene Flügeltür, die in einen Besprechungsraum führte. Licht. Drinnen stand Tristan mit zwei langbärtigen Zwergen an einem runden Tisch. Auch Lord Mammon von Genath war da, unser alter Freund!
Tappser machte erfolgreich und sehr lautstark auf uns aufmerksam.
Ich ergriff schnell das Wort, bevor Tappser uns wieder in die Bredouille reiten konnte und erzählte, was mir die Stimmen mitgeteilt hatten.
«Und das haben euch… Stimmen erzählt?», spottete einer der Zwerge.
Doch Tristan bürgte für mich, er hatte den Wahrheitsgehalt meiner nächtlichen Eingebungen (wenn ich sie denn verstand) ja schon verifizieren können. Er wusste von der Situation mit der Patrouille.
Cinar berichtete von der erfolgreich aufgeschütteten Mauer in Nesmé.
«Immerhin eine gute Nachricht», seufzte Tristan, «doch hier haben wir zehntausend Orks, die die Stadt umstellen. Wir haben auch Nachricht von Silverymoon. Die Stadt wurde vom Drachen angegriffen und stark beschädigt. Von der Zitadelle Adbar haben wir auch Kenntnis durch unsere Beobachter vor Ort. So wie es aussieht hat König Harnot, von dem mittlerweile bekannt ist, dass er vor einer ganzen Weile von einem Changeling ersetzt worden ist, nur darauf gewartet, der Armee freies Geleit nach Süden zu geben.»
Keine guten Nachrichten. Gar keine guten Nachrichten.
Cinar liess sich von Tristan noch ein kurzes Schreiben geben, das uns hier ausweisen sollte, sodass wir keine Probleme mit Wachen haben dürften.
Dann fuhr Tristan fort: «Nun, wir besprechen hier auch gerade, wie es weiter gehen sollte. Und tatsächlich überlegen wir gerade, ob wir die Stadt evakuieren.»
Die Zwerge zeigten auf diese Zusammenfassung keine Reaktion.
«Ihr solltet auch die Brücken sprengen», warf Tappser ein.
«Könnte es dann aber nicht sein, dass die ganze Stadt vom Sockel fällt?», dachte ich laut.
«Nein nein nein», sagte einer der Zwerge, «nur dauert es ewig, die Brücken wieder aufzubauen, so viel Mannstärke haben wir im Untergrund nicht.»
«Achsooo! Ihr seid Zwerge aus dem Underdark, deswegen kannten wir euch noch nicht!», ging mir ein Licht auf.
«Nein, wir sind die Meister dieser Stadt», stellte der zweite Zwerg vor, «Regelmeister Brokkr und das da drüben ist mein Bruder, Schmiedemeister Sindri. Sundabar hat mittlerweile dreissigtausend Einwohner und wenn wir alle irgendwie rausschleusen wollen…vor den Toren werden sie niedergemetzelt. Und durch das Underdark zu gehen ist auch nicht gerade ungefährlich. Die nächsten Ausgänge sind die Zitadelle Adbar und Mitral Hall oder Neverwinter, das tausende Meilen weit weg ist.»
«Wir sollten trotzdem evakuieren», warf Tristan ein, «mit ihren Katapulten sind sie schon an der Innenmauer der Stadt. Auch Versuche, die Burgmauer zu überwinden werden früher oder später erfolgreich sein. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.»
«Irgendwann werden auch euch die Vorräte ausgehen und heir kommt nicht so schnell Verstärkung an», gab Cinar weiter zu bedenken.
«Noch besteht aber Hoffnung», Brokkr hielt eisern an derselbigen fest, «unsere Vorräte halten noch zwei oder drei Wochen bei Rationierung. Bis dahin wird doch wohl Hilfe unterwegs sein können. Dann müssen wir zumindest die Brücken sprengen, das dürfte schaffbar sein.»
«Nein nein nein, das können wir nicht tun!», erboste sich Sindri.
Cinar versuchte es mit Vernunft: «Die Moral der Leute sinkt aber auch, wenn die Vorräte rationiert werden. Somit ist es noch schwieriger, die Stadt zu halten.»
«Hm. Ihr habt wohl recht, es ist wohl doch das Beste, die Stadt zu evakuieren», Brokkr schien überzeugt.
«Wir könnten auch die Stadt evakuieren, dann an der Basis der Stadt Sprengladungen verteilen und dann warten, bis der Feind komplett in der Stadt ist und boom! Sprengen!», ereiferte sich Tappser.
Sindri erlitt einen Schweissausbruch, «das kommt nicht in Frage! Damit wird die Geschichte eines ganzen Volkes ausgelöscht!»
«Aber stellt euch mal vor, was für Geschichten über diese Ereignisse erzählt werden könnten! Heldenmutige haben die Gründerväter eine ganze Orkarmee ausgelöscht! Und so den ganzen Kontinent gerettet, da Sundabar di eletzte Bastion gegen die Orks zum Süden hin ist!»
Brukkr liess sich nicht hinreissen: «Wir müssen die Stadt evakuieren. Wir können sie nicht sprengen, aber zumindest einen Grossteil der Bevölkerung rausschaffen.»
«Na gut, äh… sprengen wir die Brücken und verteidigen daraufhin Sundabar bis zum letzten Mann!», fing jetzt auch Sindri an, nach vorne zu sehen. «Darauf kann ich mich einlassen. Sagt mir, wie stehen die Chancen für Nesmé?»
«Ziemlich gut», sagte Cinar, «es sind zwar viele Orks da, aber weniger als hier. Ausserdem sollte morgen Verstärkung eintreffen.»
Sindri wollte uns offensichtlich auf die Probe stellen. Mit spöttischem Grinsen sagte er: «Stellt euch vor, es käme ein Magier, der mit einem Schlag die ganze Orkarmee zerstören könnte, dafür müsste aber die Hälfte der Stadt geopfert werden. Menschen, Bauwerke, alles.»
Das gab uns einiges zu denken. Doch schliesslich würden wir uns einstimmig dafür entscheiden, das Opfer zu bringen. Das schund bei Sindri offensichtlich Eindruck. Er eröffnete uns, dass, wenn die Stadt über das Underdark evakuiert werden sollte, etwa ein Drittel der Bewohner sterben würden. Sie müssten schliesslich durch die Hölle gehen.
Endlich konnten wir uns jedoch auf Folgendes einigen: Sindri und Brokkr liessen der Bevölkerung die Wahl, ob sie kämpfen oder über das Underdark fliehen wollten. Ich schlug vor, auch noch den Ausgang über unsere Gildenhalle zur Verfügung zu stellen. Zumindest könnten wir die Kinder der Stadt aufnehmen und sie dort versorgen. An die zweihundert Kinder und Frauen hätten schliesslich Platz.
Am nächsten Tag wollte Sindri der Bevölkerung der Stadt die Entscheidung selbst überlassen.

Bild von travelspot auf Pixabay

Es graute schon der Morgen, als wir die Masters Hall verliessen, um uns endlich zu unseren weichen Bettchen in der Halle zu begeben. Die Wache von vor ein paar Stunden patrouillierte tatsächlich immer noch! Cinar ging noch einmal ohne ein Wort an ihr vorbei. Logischerweise wollte sie uns sofort wieder aufhalten. Nach ein paar schnippischen Komentaren hielt ihm Cinar das Schreiben von Tristan unter die Nase.
«Ich kann nicht lesen.»
«Na, aber das Siegel werdet ihr wohl erkennen?», knurrte ich fast.
«Pf, nun gut, dann seid ihr wohl was Besonderes.»
In meinem Gesicht ging die Sonne auf: «Jaa, das war alles, was wir hören wollten!»
Und ich hüpfte in Richtung Hintereingang.

Die Gildenhalle lag schon in greifbarer Nähe, als wir eine schattenhafte Gestalt sahen. Das Gesicht hatte sie mit einer Kapuze bedeckt.
«Ihr seid die Abenteuer? Die Abenteurer aus der Gildenhalle?»
«Kennen wir uns?»
«Wir kennen uns nicht, aber wir sind die Beobachter. Und so wie ihr auf mich reagiert, habt ihr wohl nich nicht von uns gehört. Wir sind die offizielle Geheimorganisation von Sundabar. Keine offene Armee, sondern wir operieren im Verborgenen. Ihr könntet schlafen gehen…oder mich anhören.»
«Ich höre zu!» Na wenn das keine packende Rede war!
«So wie ich das verstanden habe, seht ihr es auch als beste Idee, die Stadt zu evakuieren. Wir hatten das Gespräch vorhin – grauzonenmässig – belauscht.»
Er reichte uns eine vereinfachte Karte von Sundabar. 90% der Mauern waren schon rot eingezeichnet und an vier, fünf Stellen waren die Feinde auch schon über die Brücke hinüber.
Mehr oder weniger mit Absicht hatten wohl die Meister der Stadt die Situation beschönigt.
«Wir möchten euch anbieten, mittels des Drachenhorns oben in der Masters Hall zur Stadt zu sprechen und den Einwohnern die Situation zu beschreiben. Ich bin ehrlich – die Stadtmeister wären euch nicht mehr wohlgesonnen. Doch es würde euch gedankt, wenn ihr die Stadt rettet. Ausserdem seid ihr momentan Hauptsächlich an anderen Orten beschäftigt.» Der Zwielichtige zog für jeden von uns einen Unsichtbarkeitstrank hervor. «Um es euch zu erleichtern. Dort oben ist niemand, ein Fluchtweg wäre durch uns Beobachter vorbereitet. Ihr hättet fünf Minuten am Horn.»

Hastig kritzelte ich auf einen Zettel:

Bevölkerung von Sundabar. Es besteht Gefahr um euer Leib und Leben. Fast die gesamten Stadtmauern sind schon durch den Feind zerstört und Brücken überrannt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Feind die Stadt in seiner Gewalt hat. Morgen zur Mittagszeit wird euch von euren Stadtmeistern die Wahl gelassen: kämpft oder verlasst die Stadt. In Nesmé tobt der Krieg und wird voraussichtlich noch Wochen toben. Von dort ist keine Hilfe zu erwarten. Ausserdem ist ein Drache auf dem Weg hierher, der schon Nesmés Stadtmauern teilweise zerstört hat.

Wir schlichen uns in die Masters Hall. Im Erdgeschoss war immer noch niemand. Im ersten Geschoss tagten die anderen immer noch mit Tristan. Im dritten Geschoss hörten wir schon Stimmen. Wachen patrouillierten dort. Cinar und ich packten unsere lauten Klapperrüstungen in die unendliche Tasche so und kam die ganze Gruppe lautlos und durch die Unsichtbarkeitstränke unbemerkt bis ganz nach oben.
Wir standen vor einem gewaltigen Horn, über und über mit Gold verziert. Es hing an einer Kette und war wohl das Horn eines Drachen gewesen. Es. War. Riesig. Mindestens dreimal so lang wie Tappser. Alles war leer und dunkel. Cinar verschloss die Tür, durch die wir gekommen waren. Eine einzige andere Tür führte zu einer Wendeltreppe, leer und dunkel. Der vorbereitete Fluchtweg. Na dann auf. Nun mussten wir dem Kapuzentypen vertrauen.
Eule hielt die Rede. Ihre Stimme dröhnte über die ganze Stadt hinweg. Wir mussten uns die Ohren zuhalten, so laut ist es. In den ersten Fenstern gingen die Lichter an. Danach stürzten wir schnellen Fusses die Wendeltreppe hinunter, ohne Probleme gelangten wir bis ins Erdgeschoss. Niemand war uns auf den Fersen und flugs verliessen wir die Masters Hall. Auf dem kurzen Weg zurück in die Gildenhalle sahen wir die aufkeimende Unruhe in der Stadt einkehren. Immer mehr Lichter gingen an, die ersten Leute standen schon auf der Strasse und verzweifelte Wachen versuchten, sie wieder zu beruhigen. Wir verschwanden in der Gildenhalle.
«Du! Warst! Spitze, Eule! Spitzeeeeeee!», hüpfte ich vor ihr auf und ab.
Doch sie nahm davon kaum Kenntnis, rollte sich in einer Baumkrone zusammen und fing an zu schnarchen.
Auch wir anderen machten uns auf in unsere Schlafgemächer.
Nur Tappser war ungewöhnlich ruhig.


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