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Cécile – Teil 3

Cécile – Teil 3

Im Januar hatte Cécile das letzte Mal abgekalbt, also besamte sein Vater sie Ende April wieder. Diesmal wollte Kari nicht zugucken, nein danke. Irgendwie fand er es aber ein wenig traurig, dass das Céciles letztes Kind werden sollte. Er fragte sich irgendwie immer noch, wohin Cécile danach hingebracht werden würde, aber traute sich irgendwie nicht, zu fragen. Vielleicht würde sein Vater es ihm ja zeigen, wenn es soweit ist. Wahrscheinlich kommt Cécile zu einem anderen Bauernhof, auf dem nur alte Kühe sind. So etwas wie ein Kuh-Altersheim. Das wäre schön für Cécile.

Doch Céciles letzte Geburt sollte keine einfache werden. Das Kalb lag irgendwie verdreht in ihrem Bauch und wollte und wollte nicht herauskommen. Sein Vater machte sich grosse Sorgen, dass Cécile die Geburt nicht überleben würde. Also musste er mitten in der Nacht den Tiernotarzt anrufen. Zum Glück war dieser innerhalb einer halben Stunde da und konnte das Kalb gerade noch vor dem Ersticken mit einer „Schnittentbindung“ zur Welt bringen, wie er es nannte. Danach bekam Cécile noch Medikamente und sein Vater durfte ihre Milch zwei Wochen lang nicht verkaufen. Dem Kälbchen ging es zum Glück sehr gut. Sein Vater freute sich, dass es ein Mädchen war, das sie behalten könnten. Es würde sicher eine sehr schöne Kuh werden, da war er sich sicher. „Die wird sicher später viel Milch geben!“, lachte er.

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Doch Cécile ging es nach der Geburt nicht mehr so gut. Sie gab zum Glück nur minimal weniger viel Milch, konnte aber ihre hinteren Beine nicht mehr so gebrauchen, wie früher. Zur Weide brauchte sie nun deutlich länger und lag auch im Stall viel öfter auf dem Stroh, als früher. „Lahm ist sie“, sagte sein Vater, „wahrscheinlich ist das bei der schweren Geburt passiert. Na dann lag ich ja richtig mit meiner Vermutung, dass das ihr letztes Kalb sein würde. Das heisst dann wohl bald Abschied nehmen“ Irgendwie machte ihn das traurig und er wollte eigentlich wissen, was das für Cécile hiess. Irgendwo hatte er mal gelesen, dass Kühe eine natürliche Lebenserwartung von etwa zwanzig Jahren hätten und Cécile war erst fünf… Doch konnte er den Gedanken nicht zu Ende verfolgen, da in dem Augenblick ein verzerrter Schmerzensschrei aus dem Haus kam.

Sein Vater und er rannten so schnell sie konnten ins Haus. Was war passiert? Unten an der Treppe bot sich ihnen ein schlimmer Anblick: Seine Mutter lag da unter einem Berg aus frisch gewaschener Wäsche, ihr rechtes Bein ganz komisch verdreht und blutig. So viel Blut! „Schnell! Geh und hol mir das Telefon her!“, schrie ihn sein Vater an. Und er rannte.

Das Bein seiner Mutter war an mehreren Stellen so kompliziert gebrochen, dass sie es erst einmal viele Wochen gar nicht bewegen und danach ein halbes Jahr keine langen Spaziergänge unternehmen, oder schwere Lasten tragen durfte. Sein Vater musste jetzt sehr viel mehr auch im Haushalt arbeiten und er noch viel mehr im Stall und mit den Tieren aushelfen.

Als Céciles Milch ein paar Monate später anfing, zu versiegen, rief ihn sein Vater zu sich und meinte, es sei an der Zeit, dass er lerne, wohin die Milchkühe gehen würden. Er nannte ihm die Adresse und gab ihm Céciles Strick in die Hand.

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